Kritiken

Stand IX-17

 

»Ich kann nur sagen: Das ist stark und verdiente tatsächlich, einem breiteren Publikum präsentiert zu werden. [...] es freut mich zu sehen und zu hören, dass Ihre Art der Präsentation so gegenwärtig ist, so ganz 21. Jahrhundert. Das gefällt mir.«

 

Kommentar des Kafka-Biographen Dr. Reiner Stach

 

 

»Kuppel und Ahmels haben es in kongenialer Weise geschafft, die [...] Doppelgesichtigkeit der Vorlage in einer klanglichen Melange von Wort und Instrument beizubehalten. [...] Die Textcollage um das Kernstück, die Erzählung "Der Jäger Gracchus" herum, belebte Ahmels durch vielseitige [Flügel-Klänge], die sich vom Atmosphärischen über das Klassische bis zum Populären bewegten. Zusammen mit der Örtlichkeit, [...] ausgestattet mit einem famosen Blick am Nationaltheater vorbei auf die Prager Burg Hradschin, ergab sich ein [...] höchst stimmungsvoller Abend in intimer Atmosphäre [...]. «

 

Kritik der Prager Aufführung im Goethe Institut, von Gerd Lemke in Prag Aktuell v. 5.12.16 »Kafka mit Klavier, Sinnlicher Abend mit Jäger Gracchus«

 

 

»Was folgt, ist ein großartiges Konzert. Das Programm beginnt mit Musik. Musik? Ja, schon, wenngleich Ingo Ahmels im Wesentlichen Klänge, besser Klangflächen produziert, die die folgenden Texte Kafkas gleichsam einhüllen. [Er] setzt mit pointierten Klängen […] Ausrufezeichen in den Text […], zusätzlich benutzt er eine iPhone-app, auf der er das prepared piano von John Cage installiert hat. Ingo Ahmels kann aber auch [»richtig«] Klavier spielen, was er mit […] Zwischenspielen beweist, die zwischen Bach, Blues und Neuer Musik pendeln. Ahmels' Musik unterstützt den unterschwelligen Humor der Textvorlagen.«

 

Konzertkritik im WeserKurier vom 31.8.17, »Kafka von Klängen eingehüllt«, von Martin Ulrich

 

 

»Das von Kuppel-Ahmels ermöglichte Lächeln, das auch ein Verlachen ist, hat etwas Befreiendes. Verlacht wird da nicht Kafka, sondern der ihm von seinen Interpreten zugeschriebene Anspruch. Dieses Lächeln befreit vom kulturell vorgegebenen, schwergewichtigen Kafka-Nimbus und ermöglicht, jenseits allen germanistischen Tiefsinns rationale Fragen an Kafkas Texte zu stellen [...]« 

 
Kritik der Uraufführung

J.F. Anders, Kafka barrierefrei, IV-2016 

 

 

 

 

Vollständiger Kritik-Text zur Uraufführung in Bremen

 

Kafka barrierefrei…

 

 

Die sonderbare Ankündigung »Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens. Franz Kafka. Musikalisch-literarische Soirée. Flügel–Klänge und Lesung« ließ mich stutzen. Wenn auch zögerlich und ohne wirkliche Lust auf den tiefgründigen, mir persönlich weitgehend unverständlichen Weltliteraten Kafka machte ich mich, doch ein wenig neugierig, auf den Weg in die Bremer »Villa Sponte«, zur Premiere von Gotthart Kuppel und Ingo Ahmels.

 

Kafkas Werk zählt, wie Besucher(innen) von Kafka-Lesungen wissen, zu den Gipfelleistungen der abendländischen Kultur, weshalb man es ehrfürchtig bestaunt. Darüber hinaus ist ihnen bekannt: Kafkas Texte scheinen auf den ersten Blick klar und verständlich, auf den zweiten erweisen sie sich als derart tiefgründig, dass es Leser(inne)n und selbst professionellen wissenschaftlichen Interpreten bisher nicht gelang, tief genug in die Texte einzudringen, ihre Rätselhaftigkeiten zu verstehen und Kafkas verborgene Botschaften zu finden. Der kryptische Tiefsinn nötigt wohl allen gebildeten Leser(inne)n bzw. Hörer(inne)n Respekt ab; und wer diesem als großartig anerkannten Literaturwerk die Ehrfurcht verweigert, gilt schlicht als Kulturbanause. Aber wäre es möglich, dass hier gar kein Versagen der Lesenden/Hörenden und der Interpreten vorliegt? Vielleicht sind Kafkas Schriften ja objektiv unergründlich und von nicht aufzulösender Rätselhaftigkeit. 

 

Der Besuch der Kafka-Soirée mit dem Beinbruchtitel brachte mir eine echte Überraschung. Das Bremer Künstlerduo Kuppel–Ahmels präsentierte einen (mir jedenfalls) bisher nicht bekannten Kafka, wenngleich jeder der von ihnen vorgetragenen Texte seit langem bekannt ist. Aber die Art, wie Kuppel die Texte Kafkas liest und Ahmels sie  klanglich kontrapunktiert, brachte einen unerwarteten Kafka zum Vorschein: Kuppels Vortrag verleiht den Texten oft heitere Leichtigkeit, und Ahmels untermalt nicht mit bedeutungsschwerer Begleitmusik, sondern produziert neben konventionell über die Tastatur hervorgebrachten auch überraschende »Flügel-Klänge«, verdutzt machende Geräusche und Klanglandschaften: er bringt den Konzertflügel, in dessen Innerem er ebenfalls spielt, zum Knarzen, Quietschen, Ächzen, Hämmern und Rumoren. 

 

Kuppel–Ahmels schaffen so keine Aura von gefühliger Ehrfurcht, sondern rufen Nüchternheit den Texten Kafkas gegenüber hervor. Was die beiden da präsentieren, ist insofern dezente Provokation, ein kleines Sakrileg. Durch die Art der Darbietung gelingt es dem Duo, bei den Zuhörer(inne)n immer wieder ein überraschtes Lächeln hervorzurufen, das weit mehr ist als nur Ausdruck von Freude oder Spaß. Der Kafka zugeschriebene Ernst und seine unergründliche Tiefsinnigkeit kommen den Zuhörer(inne)n plötzlich komisch vor; sie können das eigene Nicht-Verstehen lächelnd akzeptieren und kommen vielleicht sogar zu dem Schluss, dass es bei Kafka  gar nichts Tiefsinniges zu verstehen gibt! Kuppel–Ahmels tauschen mit ihrem künstlerischen Ansatz gezielt die hochkulturelle Einschüchterung, deren Grad angesichts des Kafka vielfach zugeschriebenen unfasslichen Tiefsinns besonders hoch ist, gegen eine dynamische, neugierige Offenheit den Texten gegenüber aus. Aufgrund dieser besonderen Vortragsweise sind die Zuhörer(innen) in der Lage, die Aura übergroßen Respekts wegzulächeln, und werden ermutigt, sich an den Geschichten, die Kafka erzählt, ehrfurchtsfrei und direkt zu erfreuen. Und dank des distanzierenden Lächelns können nun die Kafka-Geschichten nicht nur ernst genommen, sondern vielleicht auch für komisch gehalten werden. Oder auch für missglückt. Was Kafka selber von vielen seiner Texte annahm.

 

Das von Kuppel-Ahmels ermöglichte Lächeln, das auch ein Verlachen ist, hat etwas Befreiendes. Verlacht wird da nicht Kafka, sondern der ihm von seinen Interpreten zugeschriebene Anspruch. Dieses Lächeln befreit vom kulturell vorgegebenen, schwergewichtigen Kafka-Nimbus und ermöglicht, jenseits allen germanistischen Tiefsinns rationale Fragen an Kafkas Texte zu stellen, wie etwa: Lese bzw. höre ich die Texte mit Interesse? Haben sie etwas mit meiner eigenen Wirklichkeit zu tun? Sind sie Beschreibungen eines realen, jedenfalls als real denkbaren Ereignisses oder einer auch mich betreffenden, traumartigen Phantasie? Können sie mir helfen, die eigene Wirklichkeit besser zu verstehen und zu bestehen? Stellen sie meine eingefahrenen Sicht- und Verhaltensweisen möglicherweise in Frage? Erweitern sie meine begrenzte eigene Erfahrung, meinen geistigen Horizont, meinen Handlungsspielraum? Zeigen sie mir vielleicht sogar, dass es Alternativen gibt?

 

Gotthart Kuppel und Ingo Ahmels verschieben Maße und Gewichte. Sie machen es mit ihrem barrierefreien Programm den Zuhörer(inne)n möglich, Kafka anders wahrzunehmen: unbefangen, ohne Ehrfurcht. Ihre Einladung, Kafka neu zu entdecken, ist eine, wie ich finde, bewundernswerte Leistung.

 

 

Johann-Friedrich Anders, April 2016

 

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